Als Finanzplaner begegnen mir regelmäßig Menschen, die sich schon sehr fundiert Gedanken über ihre Altersvorsorge machen. Wenn Sie diesen Artikel lesen, gehören sie wahrscheinlich auch dazu. Mit ein paar einfachen Fragen können wir diesen Menschen oftmals helfen, mehr Klarheit zu gewinnen und sorgenfrei in die Zukunft zu gehen. In diesem Artikel möchte ich Ihnen einen Leitfaden geben, damit auch Sie den nächsten Schritt gehen können.
Viele Menschen sparen jahrelang – aber mit welchem Ziel? Wie viel Vermögen braucht es, um sorgenfrei leben zu können? Die Antwort ist individuell – aber planbar.
Wenn wir über Altersvorsorge sprechen, geht es selten um Zahlen, sondern eher um Gefühle: Sicherheit, Unabhängigkeit, Freiheit. Und doch braucht es am Ende eine konkrete Zahl: das benötigte Kapital für den Ruhestand.
Es beschreibt den Vermögensbetrag, den eine Person benötigt, um aus diesem Kapital dauerhaft einen bestimmten monatlichen Betrag zu entnehmen – und dabei weder zu früh alles aufzubrauchen noch auf Lebensqualität zu verzichten.
Wie lässt sich das benötigte Kapital berechnen?
Ein erster grober Richtwert:
monatlicher Wunschbetrag × 12 Monate × Anzahl der Ruhestandsjahre (z.B. 25 Jahre)
Wer beispielsweise 3.000 € pro Monat über 25 Jahre entnehmen möchte, sollte etwa 900.000 € Kapital aufbauen.
Doch Vorsicht: Diese Zahl ist nur ein Ausgangspunkt. Sie berücksichtigt noch keine Renditen, keine weiteren Renteneinnahmen, keine Steuern, keine Inflation – und auch nicht die individuelle Lebenserwartung oder geplante größere Ausgaben.
Deshalb lohnt es sich, das eigene Kapitalziel individuell zu berechnen. Mit professioneller Begleitung lässt sich das oft überraschend einfach strukturieren – und klarer sehen, ob das eigene Vermögen wirklich „reicht“.
Die Kunst des Entnehmens: Warum eine Strategie entscheidend ist
Wer in den Ruhestand geht, wechselt von der Anspar- in die Entnahmephase. Doch viele unterschätzen, wie sensibel diese Phase ist.
Denn: Nicht das Sparen entscheidet über finanzielle Freiheit – sondern das Entnehmen.
Eine gute Entnahmestrategie berücksichtigt:
- Weitere Einnahmen: Welche weiteren Einnahmen wie aus Vermietung oder Rentenansprüchen gibt es im Ruhestand?
- Steuern: Welche Kapitalerträge sind steuerpflichtig? Welche Entnahmen lohnen sich wann?
- Aktienquote: Wie viel des Kapitals bleibt in Aktien, ETFs oder Fonds, um langfristig weiter zu wachsen? Und wie viel sollte sicher verfügbar sein?
- Liquidität: Welche Rücklagen braucht es für Unvorhergesehenes, ohne das Depot antasten zu müssen?
- Flexibilität: Was passiert, wenn sich Wünsche, Gesundheit oder Lebensumstände ändern?
- Inflationsrate: Welche Rolle spielt die Inflation?
Eine starre Regel hilft hier selten. Vielmehr geht es darum, eine persönliche Balance zu finden – zwischen Konsum und Sicherheit, zwischen Wachstum und Gelassenheit.
Es geht nicht um Reichtum – sondern um Ruhe
Das benötigte Kapital für den Ruhestand ist keine abstrakte Rechengröße. Es ist ein Mittel, um die Zeit nach der Erwerbsarbeit bewusst und würdevoll zu gestalten. Mit Klarheit über das eigene benötige Kapital und einer durchdachten Entnahmestrategie entsteht nicht nur finanzielle Sicherheit – sondern auch emotionale Ruhe.
Und genau darum geht es doch.
Ein konkretes Beispiel: Wie viel ist „genug“ für Herrn M.?
Herr M. ist 62 Jahre alt, selbständiger Zahnarzt und möchte seine Praxis in den nächsten zwei Jahren verkaufen. Seine Frau ist bereits im Ruhestand. Gemeinsam wünschen sich beide, ab 65 etwa 5.000 € netto pro Monat zur freien Verfügung – inklusive der bestehenden Rentenansprüche und der Zahlung für die private Krankenversicherung.
Nach erster Schätzung ergibt sich folgendes Bild:
- Ärzteversorgung (ab 65): netto ca. 2.400 €
- Gesetzliche Rente der Ehefrau: netto ca. 1.100 €
- Private Krankenversicherung: aktuell knapp 1.000 €
- Bedarf durch Kapitalentnahme: 2.500 € netto pro Monat
(monatliche Werte ohne Steigerungen angenommen)
Das entspricht 30.000 € jährlich, die Herr M. aus seinem Vermögen entnehmen möchte. Rechnet man konservativ mit einer nachhaltigen Entnahmerate von 3,5 % (unter Berücksichtigung von Inflation, Steuern, Schwankungen etc.), ergibt sich daraus ein benötigtes Kapital von ca. 860.000 €.
Doch Herr M. möchte nicht alles „verbrauchen“ – ein Teil soll auch für Kinder und Enkel erhalten bleiben. Zudem plant er eine große Weltreise zum 65. Geburtstag, wünscht sich finanzielle Flexibilität und möchte steuerlich effizient vorgehen.
In der individuellen Planung haben wir folgende Struktur aufgebaut:
- Sicherheitsreserve (Tagesgeld & Liquidität): 60.000 €
- Auszahlungsdepot (defensiv mit 50 % Aktienquote): 400.000 €
→ für die nächsten 15 Jahre mit planbaren Entnahmen - Wachstumsdepot (70 % Aktienquote): 600.000 €
→ zur langfristigen Stabilisierung gegen Inflation - Restschuldentilgung (Teilbetrag Immobilienkredit): 80.000 €
Zusätzlich wird die Praxis mit ca. 500.000 € verkauft – davon werden Rücklagen gebildet und steuerlich optimierte Schenkungen vorbereitet. Der Rest fließt je nach Bedarf in das Auszahlungs- oder Wachstumsdepot.
Was dieser Fall zeigt:
Finanzielle Unabhängigkeit im Ruhestand ist kein Zufall – sondern das Ergebnis guter Fragen und klarer Struktur. Wer früh weiß, wie viel er wofür braucht, kann gezielter planen. Und vor allem: bewusster leben.
Denn es geht nicht nur ums Geld. Sondern darum, es loslassen zu können – in dem Wissen, dass es über den gesamten Ruhestand genügt.
Markus Engelmann, CFP®
WERTE.management Family Office GmbH & Co KG, Sinsheim




